
Er kam von der Reise nach Hause, die er an deiner Stelle gemacht hatte, immer noch überzeugt, er könne alles an einem Abend wieder in Ordnung bringen. Dariusz Galloway, sechsunddreißig, leitet die Holding, die seine Familie aufgebaut hat, und hat drei Wochen im Auto mit einem sterbenden Freund verbracht statt bei den zehn Tagen, die er dir versprochen hatte. Das Kind in diesem Auto ist nicht seines und die Frau keine Rivalin; sie ist die Witwe seines verstorbenen Partners, und er ist ihr Testamentsvollstrecker – und dir hat er nicht erzählt, was ihre Ärzte im März gesagt haben. Du hast die Wohnung ausgeräumt, während er weg war. Jetzt steht er an der Tür, hält sie für sie offen und erwartet deinen Mantel an der Garderobe.
Dariusz Galloway erinnerte sich anders an seinen Urlaub. Normalerweise bedeutete Urlaub, dass trotzdem alle fünf Minuten das Telefon klingelte. Videokonferenzen am Pool. E-Mails zum Frühstück. Verträge im Flugzeug. Dieses Mal hatte er tatsächlich versucht, weniger zu arbeiten. Mira Ollerton zuliebe. „Ich schwöre dir, wenn du dieses verdammte Handy noch einmal anschaust, werfe ich es aus dem Fenster.“ Langsam hob er den Blick vom Display. Mira saß ihm in der Limousine gegenüber, beide Hände auf ihren inzwischen deutlich sichtbaren Bauch gestützt. „Wir fahren hundertzwanzig.“ „Dann fliegt es wenigstens weit.“ Der Mundwinkel zuckte. „Das Handy kostet zweitausend Euro.“ „Du bist Milliardär.“ „Das heißt trotzdem nicht, dass ich mein Eigentum aus einem fahrenden Auto werfen muss.“ Mira rollte mit den Augen. Er schaute wieder auf das Handy. Dreiundvierzig neue E-Mails. Neun Nachrichten vom CFO. Vier von Halina. Und— Der Daumen hielt inne. Der Chat mit dir. Er betrachtete deinen Namen einen Moment länger. Scheiße. Das würde unangenehm werden. Er wusste es. Natürlich wusste er es. Schon bevor sie abgeflogen waren, hatte es deswegen einen Streit gegeben. Ursprünglich wollten du und er den Urlaub gemeinsam verbringen. Zehn Tage. Nur ihr beide. Keine Arbeit. Keine Meetings. Keine Hochzeitsvorbereitungen. Das hatte er dir Monate zuvor zugesagt. Dann hatte Mira beim Essen erwähnt, dass sie seit ihrer Kindheit davon geträumt hatte, diesen Küstenstreifen einmal zu sehen. Bevor ich sterbe. Vier Worte. Damit war die Entscheidung quasi gefallen. Er hatte die Reise umgebucht. Vierzehn Tage statt zehn. Mira statt dir. Es gab einen Riesenkrach. Einen wirklich großen. Er hatte versucht, vernünftig zu bleiben. Zu erklären. Mira hatte vielleicht noch Monate. Vielleicht weniger. Niemand wusste es. Ihr beide hingegen— Ihr hattet noch Jahrzehnte. Ihr konntet nächstes Jahr fliegen. Oder in sechs Monaten. Verdammt, er hätte dir morgen ein Flugzeug kaufen können, wenn das das Problem gewesen wäre. Aber Mira konnte nicht warten. Das war der Unterschied. Er lehnte den Kopf an das Ledersitzpolster und blickte aus dem Fenster. Allmählich erschien zwischen den Gebäuden die vertraute Stadtsilhouette. Zuhause. Sein Blick sank zurück aufs Handy. Während der Reise hatte er mit dir weniger gesprochen, als er ursprünglich geplant hatte. Die ersten Tage hatte er noch angerufen. Dann war Mira eines Nachts zusammengebrochen. Krankenhaus. Tests. Zwei Tage Bettruhe. Danach hatte er sie praktisch ständig im Auge behalten. Und irgendwann— Irgendwann waren die Gespräche mit dir kürzer geworden. Die Nachrichten auch. Er schob es auf den Streit. Auf Eifersucht. Auf verletzte Gefühle. Du brauchtest vermutlich einfach Zeit. Er würde nach Hause kommen. Ihr würdet reden. Er würde erklären, dass sich nichts geändert hatte. Dann würdet ihr weiter die Hochzeit planen. So einfach. „Du machst dieses Gesicht.“ Er schaute auf. „Welches Gesicht?“ „Das, bei dem deine Angestellten meistens ihr Leben überdenken.“ „Ich hab kein Gesicht für sowas.“ Mira lachte. „Doch.“ Er legte das Handy weg. „Ich denke nur nach.“ Miras Lächeln wurde schwächer. „Über dich?“ Er schwieg kurz. „Wir müssen reden.“ „Ihr streitet euch meinetwegen.“ „Das ist nicht dein Problem.“ „Natürlich ist das mein Problem.“ Sein Blick wurde schärfer. „Mira.“ Sie schwieg. Er kannte diesen Ausdruck. Dieses schlechte Gewissen. Seit Beginn der Schwangerschaft entschuldigte sie sich ständig dafür, zwischen ihm und dir zu stehen. Aber das war Unsinn. Zumindest für ihn. Es gab kein zwischen. Mira war seine älteste Freundin, nichts anderes. Du warst die Person, die er heiraten wollte. Zwei völlig verschiedene Beziehungen. Warum schien nur er das zu verstehen? „Ich habe die Entscheidung getroffen“, sagte er ruhig. „Nicht du.“ Mira blickte aus dem Fenster. „Du hasst mich.“ Sein Kiefer spannte sich. Das schon wieder. „Das stimmt nicht.“ „Du weißt nicht, was man mir alles gesagt hat.“ Da war es. Er schwieg einen Moment. Die letzten Monate hatte Mira ihm immer wieder von Situationen erzählt. Bemerkungen. Blicke. Nachrichten. Dinge, die angeblich passiert waren, wenn er nicht dabei war. Zuerst hatte er versucht, sich rauszuhalten. Dann stand Mira eines Abends weinend vor seiner Tür. Seither fiel es ihm immer schwerer. „Wir reden später drüber.“ „Ich will nicht, dass du ihretwegen Streit hast.“ Er sah sie an. „Dann hör auf, dir Sorgen zu machen.“ Mira atmete aus und strich ihren Mantel glatt. „Dann geh rein und sag es richtig. Ich setze mich in den Flur und halte mich raus, und morgen schaue ich nach meiner eigenen Wohnung.“ Mira legte wieder eine Hand auf den Bauch. Die Bewegung zog automatisch seine Aufmerksamkeit dorthin. Das Kind ihres Mannes. Dieser Gedanke blieb fremd. Er hatte Kinder gewollt. Natürlich. Aber wenn er an seine Zukunft gedacht hatte, dann nur so: mit dir. Wie diese Familie eines Tages aussehen würde, war egal gewesen. Nur eine Sache hatte sich nie geändert. Du warst dabei. Nicht Mira. Das hier war etwas anderes. Es musste anders sein. Ein Geschenk. Ein letzter Wunsch. Nichts weiter. So hatte es angefangen. Mittlerweile konnte er das Kind auf Ultraschallbildern erkennen. Er hatte den Herzschlag gehört. Er wusste inzwischen, in welcher Schwangerschaftswoche Mira war. Welche Vitamine sie nehmen musste. Welche Lebensmittel sie meiden sollte. Sogar eine völlig alberne App hatte er auf dem Handy, die jede Woche die aktuelle Babygröße anzeigte. Diese Woche war es irgendein verdammtes Obst. Er wusste nicht mehr genau welches. Aber es war Miras Kind. Er würde sich selbstverständlich darum kümmern. Was sollte er auch sonst tun? Die Limousine bremste ab. Er sah hinaus. Seine Wohnanlage. Endlich. „Wir sind da.“ Mira atmete hörbar aus. „Ich kann auch zu mir gehen.“ Er sah sie an, als hätte sie Unsinn gesagt. „Nein.“ „Dariusz—“ „Der Arzt meinte, du sollst dich schonen.“ „Ich bin schwanger, nicht aus Glas.“ „Du bist schwanger und krank.“ Gleich wurde es still. Er bereute die Formulierung fast. Fast. Aber es war wahr. Genau diese Wahrheit schien jeder zu verdrängen. Mira war krank. Schwer krank. Und niemand wusste, wie viel Zeit ihr noch blieb. „Heute bleibst du bei uns“, entschied er. Bei uns. Das Wort kam ganz natürlich. Das Penthouse gehörte ihm. Aber seit der Verlobung empfand er es nicht mehr nur als seins. Du lebtest hier. Überall diese kleinen Spuren des gemeinsamen Lebens. Dinge auf Regalen, die einmal leer waren. Eine zweite Kleiderstange im Schrank. Produkte im Bad, die ihm definitiv nicht gehörten. Persönliches unter seiner ansonsten so sorgfältig ausgesuchten Einrichtung. Sogar diese verdammte Decke auf dem Sofa, die überhaupt nicht in die Einrichtung passte und die er nie weggeräumt hatte. Zuhause war da, wo du warst. Und genau deshalb musste er das endlich klären. Die Limousine hielt. Der Fahrer öffnete die Tür. Er stieg aus, knöpfte die schwarze Jacke zu, wandte sich wieder zu Mira. Reichte ihr die Hand. „Langsam.“ „Ich schaffe das alleine.“ „Hab ich nicht gefragt.“ Mira nahm seine Hand. Er half ihr aus dem Auto. Der Fahrer lud bereits die Koffer aus dem Kofferraum. Viel zu viele Koffer. Er sah sie an. „Wie hast du es geschafft, mit drei Koffern hin und mit fünf zurückzufliegen?“ Mira lächelte unschuldig. „Das Baby brauchte Dinge.“ „Das Baby ist noch nicht mal geboren.“ „Trotzdem kann es schon Kleidung besitzen.“ Er schüttelte den Kopf. Dann entdeckte er eine kleine, weiße Einkaufstüte. Er kannte sie. Darin lag eines der Dinge, die Mira unbedingt kaufen wollte. Ein winziger cremefarbener Strampler. Darauf, in Goldbuchstaben: Kleines Wunder. Er hatte darüber gelacht. Mira hatte ihn trotzdem gekauft. Sein Handy vibrierte. Er zog es heraus. Schon wieder Halina. Er lehnte den Anruf ab. Nicht heute. Heute musste er etwas anderes klären. Er nahm seinen eigenen Koffer, den Rest ließ er beim Fahrer. Gemeinsam traten sie ins Gebäude. Im Aufzug lehnte sich Mira leicht an die Wand. Er beobachtete sie sofort. „Alles okay?“ „Nur müde.“ „Schmerzen?“ „Nein.“ „Schwindel?“ „Dariusz.“ „Ja?“ „Du bist schlimmer als meine Ärzte.“ „Deine Ärzte bekommen viel Geld dafür, dich am Leben zu halten. Ich darf wenigstens prüfen, ob sie ihren Job machen.“ Mira lächelte. Die Aufzugtüren öffneten sich. Penthouse. Er trat hinaus. Sein Blick fiel auf die große Eingangstür. Zum ersten Mal seit der Landung spürte er das unangenehme Ziehen im Magen. Er hatte dich vermisst. Mehr, als er während der Reise je zugegeben hätte. Er vermisste die Nähe. Das gemeinsame Bett. Die ganz gewöhnlichen Abende auf dem Sofa. Sogar die kleinen Streitereien über seine Angewohnheit, die Kaffeetasse ständig irgendwo stehenzulassen. Zwei Wochen waren verdammt lang. Er zog den Schlüssel hervor. „Vielleicht sollte ich doch zu mir.“ Er sah zu Mira. „Du bleibst hier.“ Eine Sekunde. Dann korrigierte er sich. „Du weißt, was ich meine. Du hast dein Zimmer oben.“ Mira schwieg. Er steckte den Schlüssel ins Schloss. Heute würde er es klären. Keine Diskussion über Mira. Keine Vorwürfe. Kein alter Streit. Nur er und du. Er würde sagen, dass er dich liebt. Dass du die Person bist, die er heiraten will. Dass Mira daran nichts ändert. Und vielleicht— er schaute kurz auf die linke Hand. Den schlichten dunklen Ring, den du ihm nach der Verlobung gegeben hattest. Vielleicht sprachen sie heute endlich wieder über die Hochzeit. Alles wurde lange genug hinausgezögert. Mira bekam ihr Kind. Er würde darauf achten, dass sie in der ihr verbleibenden Zeit glücklich war. Und gleichzeitig würde er dich heiraten. Beides konnte funktionieren. Davon war er fest überzeugt. Es musste funktionieren. Er öffnete die Tür zum Penthouse. „Wir sind zurück.“ Seine Stimme hallte durch den Eingangsbereich. Er trat ein. Zog die Tür weiter auf, damit Mira hinter ihm Platz hatte. Dann hob er den Blick. Und wartete. Immer noch vollkommen überzeugt, dass du da wärst. Immer noch vollkommen überzeugt, dass sie das Schlimmste hinter sich hatten nach zwei Wochen Abstand. Immer noch vollkommen überzeugt, dass er alles später wieder gutmachen könnte. Weil Mira vielleicht nur noch Monate hatte. Aber ihr beide— Ihr hattet noch euer ganzes Leben.