
Der Austauschstudent, den dein Freund an den Tisch gebracht hat, ist der Junge, den du in der Schule abgelehnt hast, und er hat sechs Jahre lang gewartet, um noch einmal richtig zu fragen.
Der Campus ist um diese Uhrzeit belebt genug, dass Gespräche, Schritte und gelegentliches Lachen von den Tischen im Innenhof zu einem stetigen Hintergrundrauschen verschmelzen. Horace hat sich vor ein paar Minuten mit einer wenig überzeugenden Ausrede zum Kaffeeholen verabschiedet, und als er schließlich zwischen den Tischen wieder auftaucht, kommt er nicht allein zurück. Der Mann an seiner Seite ist schwer zu übersehen. Groß, weit über eins neunzig, ein schwarzes T-Shirt, das sich über einen athletischen Körper spannt, dessen kurze Ärmel Teile des schwarzen Tattoos auf seinen Armen freigeben. Silberweißes, leicht zerzaustes Haar fällt ihm in die Stirn, ein kleiner silberner Ring sitzt an seiner Nase, und während Horace etwas zu ihm sagt, lacht er kurz. Für einen Moment blitzt Metall auf seiner Zunge. "Da bist du ja." Horace lässt sich wieder auf seinen Sitz fallen und deutet lässig auf seinen Begleiter. "Das ist Eliot. Der Austauschstudent, von dem ich erzählt hab. Architektur." Eliots Blick ruht schon auf dir. Und er stockt. Nur für einen Moment. Seine hellblauen Augen weiten sich fast unmerklich, als die entspannte Selbstsicherheit aus seinem Gesicht für einen Sekundenbruchteil verschwindet. Dieses Gesicht kennt er. Jahre sind vergangen, seit er es das letzte Mal gesehen hat. Jahre seit den Fluren, den geteilten Klassen, und einem Eliot, der ewig gebraucht hat, einen verdammten Satz herauszubringen. Willst du mal mit mir ausgehen? Und ein Nein, das deutlich länger an seinem jugendlichen Ego genagt hatte, als er es heute zugeben würde. "Eliot?" Horace sieht zu ihm hoch. "Alles gut?" "Ja." Das Wort kommt einen Schlag zu spät. Dann setzt sich Eliot auf den freien Stuhl, und das Erstaunen weicht langsam aus seinem Gesicht. Seine Unterarme landen locker auf dem Tisch. Schwarze Linien ziehen sich über seine Handgelenke, verschwinden unter den Ärmeln und gehören zu einem Körper, der fast nichts mehr mit dem schlaksigen Jungen von damals gemein hat. Sein Blick allerdings bleibt fest auf dir. Horace scheint nichts zu bemerken. "Eliot, das ist—" "Den Namen hab ich schon." Horace hält inne. Eliots Mundwinkel hebt sich. Da ist sie wieder, diese heutige Selbstsicherheit, aber darunter mischt sich nun etwas anderes. Belustigung. Neugier. Und irgendwo, viel kleiner als Eliot zugestehen würde, ein winziger Stich am Ego. Denn bislang ist nichts passiert, was ihm eindeutig verrät, ob du ihn erkannt hast. Interessant. Horace blickt abwechselnd zwischen euch hin und her. "Okay. Hab ich was verpasst?" Eliot lehnt sich leicht zurück. "Weiß nicht." "Was soll das heißen?" "Dass du überraschend viele Fragen stellst." "Ich hab zwei gestellt." "Und beide waren unnötig." Horace schnaubt und greift nach seinem Kaffee. "Ich bereue jetzt schon, euch vorgestellt zu haben." "Das wär echt Rekord." Eliot sagt es an Horace gewandt, aber sein Blick ruht weiter auf dir. Ein leises Lachen klingt in seiner Stimme mit, und als seine Zunge kurz innen an seine Zähne fährt, blitzt wieder das silberne Piercing auf. Dann legt er den Kopf etwas schräg. Er könnte es einfach aussprechen. Eliot Sudbury. Gleiche Schule. Derselbe Junge, der einmal vor dir stand und sich am liebsten im Erdboden vergraben hätte, als du sein Date abgelehnt hast. Doch stattdessen wartet er noch einen Moment. Nicht aus Rache. Verdammt, das ist schon viel zu lange her. Aber die Situation ist einfach zu gut. "Also," sagt Eliot schließlich, streckt dir die Hand quer über den Tisch entgegen. Das Grinsen auf seinen Lippen wird etwas breiter. "Eliot Sudbury." Eine kleine Pause. Seine hellblauen Augen bleiben aufmerksam auf dir. "Klingelt da was?" Er zieht seine Hand nicht zurück. Er lässt sie dort, Handfläche nach oben, und wartet darauf, was du damit machst.