
Er hätte dich beinahe in den Straßengraben befördert – und jetzt mietet er das Apartment deiner Mutter über der Garage. Er sagt, der Beinahe-Unfall sei sein Fehler gewesen, ganz ohne Umschweife, und hält sich dann an seine Seite des Zauns: repariert, was er kaputt gemacht hat, klopft nicht an die Haustür und wartet darauf, dass du den ersten Schritt machst.
Die Sonne stand schon tief, als ich die vertraute Straße entlangfuhr. Die Häuser wirkten kleiner als ich sie in Erinnerung hatte, die Vorgärten aufgeräumter. Vielleicht lag es daran, dass ich seit Jahren nicht mehr hier gewesen war. Oder daran, dass mein Leben in Trümmern lag. Vor drei Wochen habe ich mich von meinem Freund getrennt. Nachdem ich herausgefunden hatte, dass er mich seit Monaten betrogen hatte. Drei Jahre Beziehung. Drei Jahre Zukunftspläne. Drei Jahre, die sich plötzlich wie eine einzige Lüge anfühlten. Also kündigte ich meine Wohnung und beschloss, vorerst zu meiner Mutter zurückzuziehen. Sie wurde älter. Brauchte Hilfe im Haus. Und, wenn ich ehrlich bin, brauchte ich selbst jemanden. Ich bog in die Hauptstraße ein. Ein Motorrad schoss aus einer Seitenstraße. "W-was zum—?!" Ich trat voll aufs Bremspedal. Der Fahrer zog direkt vor meinem Auto heraus, ohne zu blinken. Mein Herz raste. "Idiot!" Das Motorrad beschleunigte einfach weiter. Schwarzer Helm. Weißes Bike. Schwarze Kleidung. Natürlich. Der Typ drehte sich nicht mal um. "Arschloch." Die nächsten zehn Minuten schäumte ich vor Wut. Was dachte der sich eigentlich? Wenn ich nur eine Sekunde später reagiert hätte— "Unfassbar." Als ich schließlich in die Einfahrt meiner Mutter bog, war ich immer noch genervt. Aber der Ärger verflog etwas, als ich sie sah. Sie stand schon an der Haustür. Lächelnd. Arme ausgestreckt. "Da bist du ja!" Ich stieg aus und wurde sofort in eine Umarmung gezogen. "Hallo, Mama." "Lass mich dich anschauen." Sie hielt mich auf Armeslänge. "Du siehst müde aus." "Danke schön." "Das war kein Kompliment." Zum ersten Mal seit Tagen musste ich lachen. Vielleicht würde es gar nicht so schlimm werden. Wir gingen hinein. Das Haus roch immer noch wie früher – nach Vanille und Kaffee. – Und nach Zuhause. Während ich meine Taschen abstellte, erzählte meine Mutter von ihren Rosen, den Nachbarn und den neuen Schmerzen im Knie. Irgendwann erwähnte sie beiläufig: "Ach ja, übrigens, wir haben jetzt einen Mieter." "Ja?" "Über der Garage." "Wie alt?" "Anfang dreißig, ich glaube 31." "Und?" "Sehr höflich." Das Grinsen meiner Mutter machte mich sofort misstrauisch. "Mama." "Was denn?" "Ich kenne dieses Grinsen." "Er ist einfach nett." "Aha." "Und er hilft mir oft." "Mhm." "Außerdem repariert er alles." "Mama." Sie lachte nur. Wenige Minuten später hörte ich es. Ein tiefes Motorengeräusch. Von draußen. Es wurde lauter. Und lauter. Bis es direkt vor dem Haus verstummte. Meine Mutter sah auf. "Das muss er sein." Sie ging zur Tür. Ich folgte ihr. Ich hatte keine Ahnung, was mich erwartete, bis ich das Motorrad sah. Weiß. Sportlich. Vertraut. Mir rutschte das Herz in die Hose. Nein. Nicht möglich. Ich erstarrte. "Das ist nicht dein Ernst." Er war es. Der Idiot von vorhin. Der Typ, der mir die Vorfahrt genommen hatte. Der gleiche Helm.. Die gleiche Kleidung.. Die gleichen breiten Schultern.. Und leider... ... leider sah er aus der Nähe sogar noch besser aus als aus der Ferne. Verdammt. – Er war abartig attraktiv. Markante Gesichtszüge. Leicht gebräunte Haut. Ein Lächeln, das sofort diese verdammten Grübchen offenbarte. Grübchen, die eigentlich verboten gehören. Und diese Augen... Selbst aus mehreren Metern Entfernung wirkten sie viel zu aufmerksam. Viel zu selbstbewusst. Viel zu gefährlich. Er schwang ein Bein über das Motorrad und zog seine Handschuhe aus. Dann bemerkte er mich. Sein Blick verweilte kurz. Wiedererkennen – ganz eindeutig. Ein langsames Grinsen breitete sich auf seinen Lippen aus. Arrogant. Aber irgendwie charmant. – Leider. "Na sieh mal einer an." Seine Stimme war tief. Ruhig. "Die Frau aus dem weißen Auto." Ich verschränkte die Arme. "Der komplette Vollidiot auf dem Motorrad." Sein Grinsen wurde breiter. "Das klingt nicht besonders nett." "Du hast mir die Vorfahrt genommen." "Hab ich." "Sag das nochmal – aber ohne das Grinsen." Das Grinsen verschwand vollkommen aus seinem Gesicht. "Ich bin rausgezogen, ohne zu schauen. Wenn du eine Sekunde langsamer gewesen wärst, das wäre allein mein Fehler gewesen, und ich werde es dir nicht schönreden." "Technisch gesehen bist du ein Arschloch." Meine Mutter blickte zwischen uns hin und her. "Kennt ihr euch?" "Leider." "Nicht wirklich." Sein Blick wanderte zurück zu mir. Dieses selbstzufriedene Funkeln machte mich wahnsinnig. "Ich bin Euan." "Ist mir egal." "Und sie mag mich offensichtlich schon jetzt." "In deinen Träumen." Er lachte. Ein echtes Lachen. Warm. Verdammt angenehm. Noch schlimmer. Meine Mutter schüttelte nur den Kopf. "Ihr benehmt euch wie ein altes Ehepaar." "Mama!" "Nein!" Euan grinste. "Siehst du? Da sind wir sogar einer Meinung." Ich hätte ihn am liebsten geschubst. Stattdessen verdrehte ich die Augen. Und ignorierte, dass mein Herz einen winzigen, völlig unnötigen Schlag aussetzte. Er blieb beim Motorrad. Er kam keinen Schritt weiter als bis zum Gartentor und zog sich die Handschuhe einen Finger nach dem anderen wieder an, den Blick lieber auf seine eigenen Hände gerichtet als auf mich. "Deine Bremsen haben spät gegriffen. Bring am Sonntag das Auto vorbei, ich stelle es auf die Hebebühne."