
Zwei Tage vor deiner Hochzeit taucht er auf seiner eigenen Party mit einem Ring auf und erzählt dir die Wahrheit, bevor es jemand anderes tun kann.
Die Party lief schon seit Stunden. Musik dröhnte durch das ganze Penthouse, irgendwo lachten Leute, Gläser klirrten aneinander, und auf der riesigen Dachterrasse standen mehr Menschen, als Émile zu zählen bereit war. Er hätte schon längst hier sein sollen. Sein bester Freund Roch Vannier hatte ihm bereits drei Nachrichten geschickt. Die letzte lautete schlicht: Wenn du deine verdammte Vorhochzeitsparty verpasst, beende ich unsere Freundschaft. Émile hatte darüber gelacht. Vor etwa drei Stunden. Bevor aus einem Drink fünf wurden. Bevor Maud vorschlug, noch in diese kleine Bar zu gehen. Bevor— Émile schaute auf seine linke Hand. Der Ring war immer noch da. Ein schlichter silberner Ehering. "Scheiße." Mauds Lachen ertönte neben ihm. "Hör auf, den Ring anzustarren." Émile blickte auf. Sie standen im Aufzug zum Penthouse von Roch. Maud lehnte an der Wand neben ihm, ebenfalls deutlich betrunkener, als sie sein sollte. "Ich habe vor zwei Stunden meinen besten Freund geheiratet." "Romantisch." Émile schnaubte. "Ich heirate in zwei Tagen." Maud grinste. "Dann solltest du dich lieber beeilen mit der Scheidung." "Annullierung." "Wie auch immer." Émile fuhr sich durch sein silberblondes Haar. Sein Kopf fühlte sich angenehm schwer an. Zu viel Whiskey. Definitiv. Morgen würde er sich dafür hassen. Aber das war das Problem von morgen. Sein Anwalt würde das regeln. Eine betrunkene Heirat. Eine Unterschrift. Ein verdammter Ring. Es war lächerlich. Émile konnte sich nicht mal erinnern, wer auf die Idee gekommen war. Vielleicht Maud. Vielleicht er. Vielleicht irgendein besoffener Idiot neben ihnen. Irgendjemand hatte gesagt: Ihr verhaltet euch sowieso wie ein altes Ehepaar. Maud hatte gelacht. Émile hatte noch einen Whiskey getrunken. Danach tauchte irgendwo das Wort heiraten auf. Und aus irgendeinem völlig idiotischen Grund hatten zwei Erwachsene beschlossen, dass es wahnsinnig witzig wäre, genau das zu tun. Émile schüttelte den Kopf. "Du wirst mich umbringen." Maud rollte mit den Augen. "Du tust ja so, als hättest du eine Affäre gehabt." "Ich habe eine andere Frau geheiratet." "Betrunken." "Das macht es erstaunlicherweise nicht besser." Maud lachte wieder. Die Aufzugtüren gingen auf. Musik schlug ihnen entgegen. Émile richtete automatisch sein schwarzes Hemd. Die Jacke hatte er irgendwo im Auto gelassen. Die Ärmel seines Hemdes waren bis zu den Unterarmen hochgekrempelt, ein Teil seiner Tattoos war zu sehen. Er sah wahrscheinlich nicht aus wie ein Mann, dessen Hochzeit in zwei Tagen war. Eher wie einer, der seine Junggesellenparty schon seit Stunden feiert. Was technisch gesehen— Nein. Daran wollte Émile nicht denken. "Da seid ihr ja endlich!" Roch stand keine zehn Meter entfernt. Sein bester Freund sah zuerst erleichtert aus. Dann wanderte sein Blick zu Maud. Zurück zu Émile. Und schließlich nach unten. Zu Émiles Hand. Roch erstarrte. Émile bemerkte es sofort. "Sag nichts." Roch blinzelte. "Was zum Teufel ist das?" "Roch." "Warum trägst du einen Ehering?" Émile verzog das Gesicht. "Nicht so laut." Roch starrte ihn an. Dann Maud. Dann wieder den Ring. "Émile." "Ich erkläre es dir morgen." "Du erklärst es jetzt." Émile griff nach einem Glas Whiskey vom Tablett eines vorbeikommenden Kellners. Roch nahm es ihm sofort aus der Hand. "Du bekommst definitiv keinen Alkohol mehr." "Du bist nicht meine Mutter." "Nein, aber anscheinend die einzige Person hier mit vernünftigem Verstand." Émile zog eine Augenbraue hoch. Roch deutete auf den Ring. "Was. Ist. Das?" Maud kicherte. "Wir haben geheiratet." Roch sagte nichts. Émile hätte schwören können, dass sein bester Freund für ein paar Sekunden aufgehört hatte zu atmen. "Ihr…" Sein Blick flog zwischen ihnen hin und her. "Was?" Émile seufzte. "Es war eine besoffene Idee." Roch wurde blass. "Bitte sag, dass das ein Scherz ist." "Leider nein." "Émile." "Ich lasse es annullieren." "Du heiratest sie in zwei Tagen!" Mehrere Leute in der Nähe drehten sich um. Émile warf Roch einen warnenden Blick zu. "Kannst du das vielleicht etwas lauter sagen? Ich glaube, die Leute auf der Straße haben es noch nicht gehört." Roch starrte ihn an, als hätte Émile völlig den Verstand verloren. "Weiß sie davon?" Émile schwieg. Nur kurz. Aber offenbar lang genug. Rochs Gesicht veränderte sich. "Oh Gott." "Ich erzähle es ihr." "Wann?" "Heute." "Heute?" "Ja, Roch. Heute." Émile griff nach seinem Whiskey. Roch zog das Glas außer Reichweite. "Nein." "Gib mir das Glas." "Du hast genug getrunken." "Anscheinend nicht." "Du bist verheiratet!" Émile schloss kurz die Augen. "Hör auf, das immer zu sagen." "Warum? Stört dich die Realität plötzlich?" Maud verschränkte die Arme. "Ihr macht da jetzt echt ein Drama draus." Roch drehte langsam den Kopf zu ihr. "Keiner von uns ist in der Position, hier eine große Meinung zu äußern," sagt er zu beiden. "Roch." Émiles Stimme wurde warnend. Sofort. Instinktiv. Maud verteidigend. Wie immer. Roch bemerkte es. Natürlich bemerkte er es. Sein Blick wanderte langsam zurück zu Émile. "Machst du das jetzt wirklich?" Émile runzelte die Stirn. "Was?" "Nichts." Roch schüttelte den Kopf. "Vergiss es." Émile hasste diesen Ton. "Wenn du was zu sagen hast, sag es." Roch trat näher. Seine Stimme wurde leiser. "Deine Verlobte ist hier." Émile sah ihn an. Natürlich war sie hier. Er wusste das. Du warst früher gekommen, weil du Roch bei den letzten Vorbereitungen helfen wolltest. In zwei Tagen würden sie heiraten. Zwei verdammte Tage. Émile sah wieder auf den Ring an seiner Hand. Zum ersten Mal an diesem Abend fühlte er so etwas wie Nervosität. Keine Angst. Noch nicht. Er kannte dich. Du würdest wütend sein. Natürlich. Wahrscheinlich würdest du ihm ein Kissen an den Kopf werfen. Vielleicht würde er ein paar Nächte auf der Couch schlafen. Und er hätte es verdient. Aber sie würden es überstehen. Sie haben immer alles überstanden. Émile hatte schon Dates vergessen. Abendessen abgesagt. War mitten in der Nacht verschwunden, weil Maud ihn brauchte. Sie hatten darüber gestritten. Oft. Und trotzdem warst du geblieben. Du hast ihn geliebt. Er hat dich geliebt. Das änderte nichts daran. Schließlich hatte er Maud nicht geheiratet, weil er sie liebte. Es war eine betrunkene Dummheit. Ein Fehler. Nicht mehr. "Wo ist sie?" Roch antwortete nicht sofort. Émile zog eine Augenbraue hoch. "Roch." Sein bester Freund zeigte schließlich auf die Dachterrasse. Émile nickte. Dann bewegte er sich los. Roch griff nach seinem Arm. "Émile." Émile blieb stehen. "Was?" "Nimm wenigstens den verdammten Ring ab." Er schaute nach unten. Émile hatte tatsächlich vergessen, dass er ihn noch trug. Er berührte den Ring mit zwei Fingern. Zögerte. Nicht aus sentimentalen Gründen. Es fühlte sich plötzlich einfach falsch an, ihn einfach verschwinden zu lassen. Als würde er etwas verheimlichen wollen. Émile ließ die Hand wieder sinken. "Nein." Roch sah ihn fassungslos an. "Nein?" "Sie soll es von mir erfahren." "Dann sag es ihr wenigstens unter vier Augen." Émile nickte. Das hatte er sowieso vor. Maud wollte ihm folgen. "Ich komme mit." "Nein." Zum ersten Mal an diesem Abend war Émiles Stimme vollkommen nüchtern. Maud hielt an. "Émile—" "Ich rede allein mit ihr." "Aber es betrifft mich genauso." Émile wandte sich zu ihr. "Maud." Ein einziges Wort. Das reichte. Sie kannte diesen Ton. Émile drehte sich wieder weg. Er bahnte sich einen Weg durch die Gäste. Einige beglückwünschten ihn schon zur bevorstehenden Hochzeit. Ironisch. Émile erwiderte die Glückwünsche mit einem knappen Lächeln. Morgen würde er notfalls seinen Anwalt persönlich aus dem Bett klingeln. Die Ehe mit Maud sollte verschwinden. Dann würde er dich heiraten. Vielleicht nicht übermorgen. Die ganze juristische Scheiße konnte die Hochzeit hinauszögern. Eine Woche. Zwei. Egal. Er würde eine neue Location organisieren. Doppelt so groß, wenn sie wollte. Die Flitterwochen verlängern. Irgendwie würde er es wiedergutmachen. Émile Ducharme löste Probleme. Das hatte er immer getan. Und du— Seine Schritte wurden langsamer. Da war sie. Émile blieb für einen Moment stehen. Etwas zog sich unangenehm in seiner Brust zusammen. Seine Finger bewegten sich unbewusst. Der Ehering fühlte sich plötzlich schwerer an als noch vor ein paar Minuten. Vielleicht hatte Roch recht. Vielleicht sollte er ihn abnehmen. Nein. Keine Lügen. Keine Geheimnisse. Émile atmete langsam aus. Dann ging er weiter. Bis nur noch wenige Schritte zwischen ihnen lagen. "Hey." Seine Stimme war überraschend ruhig. Émile fuhr sich durch sein helles Haar. "Bevor du irgendetwas von irgendjemand anderem hörst…" Er machte eine kurze Pause. Verdammt. Wie erklärt man seiner Verlobten, dass man zwei Tage vor der Hochzeit versehentlich eine andere Frau geheiratet hat? Sein Blick wandte sich kurz dem Ring zu. Dann wieder nach vorne. "Ich habe heute Abend etwas unglaublich Dummes getan." Émile schluckte. "Maud und ich waren ziemlich betrunken und einer von uns hatte eine bescheuerte Idee." Er hob langsam die linke Hand. Der silberne Ring war nicht zu übersehen. "Wir haben geheiratet." Ausgesprochen klang es noch absurder. Émile ließ die Hand wieder sinken. "Aber bevor du ausflippst: Es bedeutet nichts. Es ist eine Formalität, ein Anwalt und ein Scherz. Wenn du das Datum verschieben willst, verschieben wir es. Wenn du alles absagen willst, überlebe ich das auch." Ein schiefes, fast entschuldigendes Lächeln zeigte sich auf seinen Lippen. Er glaubte immer noch, dass dies der schlimmste Streit ihrer Beziehung werden würde. Dachte immer noch an Anwälte. An eine Annullierung. Eine verschobene Hochzeit. Blumen und Entschuldigungen. Alles, was er nutzen könnte, um seinen Fehler wieder gutzumachen. Denn in Émiles Kopf war eines immer klar gewesen: dass du ihm vergeben würdest. Er hatte sein ganzes Leben darauf aufgebaut. Er hatte nie gefragt, was es dich kostet, und heute Nacht, zum ersten Mal, wurde ihm klar, dass er kein Recht darauf hatte.