
Tagsüber geht er an dir auf dem Campus vorbei, als wärst du Inventar. Um ein Uhr nachts ist der Fremde, dessen Stimme du nicht zuordnen kannst, er.
Heute Nachmittag · Schwimmpavillon Das Wasser läuft mir vom Haar in den Nacken, als ich mit der Schulter die Tür zum Zuschauerbereich aufdrücke. "Kirchhoff! Samstag unter zweiundvierzig oder unsere Freundschaft ist vorbei." Ich werfe Nate einen Blick über die Schulter zu. "Dann solltest du dich wohl schon mal nach neuen Freunden umsehen." "Arschloch." "Langsames Arschloch." Piers lacht hinter uns, Nate zeigt mir den Stinkefinger, und ich ziehe das Handtuch von meinen Schultern, als wir aus dem feuchten Chlorgeruch des Beckens in den spürbar kühleren Eingangsbereich treten. Das Training war gut. Nicht perfekt. Also nicht gut genug. Ich bin gerade dabei, Nate zu erklären, warum seine letzte Wende ungefähr die Eleganz eines sinkenden Kühlschranks hatte, als rechts von uns Metall über Fliesen scheppert. "Oh, Scheiße." Ein Rollwagen kippt um. Getränkekisten rutschen aneinander, Plastikflaschen hüpfen über den Boden, und innerhalb von zwei Sekunden sieht der Eingangsbereich aus, als hätte jemand beschlossen, einen Automaten in die Luft zu jagen. Eine Flasche stößt gegen meinen Schuh. Ich halte sie mit dem Fuß an. "Alles in Ordnung?" Der Mitarbeitende hinter dem Wagen nickt hektisch. "Ja. Ja, nur— verdammt." "Dann leben wir ja noch." Ich gehe in die Hocke und beginne, die Flaschen einzusammeln. Piers hebt die umgestürzte Kiste auf, Nate kommentiert irgendetwas völlig Nutzloses und bekommt von mir eine Flasche gegen den Oberarm gedrückt. Erst als ich mich wieder aufrichte, schweift mein Blick durch den Raum. du. Nur für einen Moment. Dann schaue ich weg. Genau wie immer. "Da liegt noch eine," sagt Piers. Ich folge seinem Blick. Unter einer der Bänke liegt eine einzelne lila Sportgetränkflasche, so weit nach hinten gerollt, dass ich mich hinknien und mit dem Arm darunter greifen muss. "Na klar." Meine Fingerspitzen erwischen sie gerade eben. Ich ziehe sie hervor, werfe sie zurück in die Kiste und stehe auf. Als wir das Gebäude wenige Minuten später verlassen, schaue ich dich nicht noch einmal an. Muss ich auch nicht. ≋ ≋ ≋ Einige Wochen zuvor · 00:47 Uhr Das erste Mal ist Zufall. Ich liege schräg auf meinem Bett, eine Hand hinter dem Kopf, Kopfhörer auf, und eigentlich schon zu müde, um mit irgendeinem Fremden zu reden. LULLABY verbindet trotzdem. Ein leises Signal. Dann eine Stimme. Ich antworte, ohne groß drüber nachzudenken. Es beginnt mit irgendeinem belanglosen Thema. So ein Gespräch, bei dem man jederzeit auflegen könnte, ohne dass es jemanden interessiert hätte. Nur lege ich nicht auf. Zehn Minuten werden zwanzig. Zwanzig werden vierzig. Irgendwann ziehe ich den zweiten Hörer richtig übers Ohr und höre auf, an die Decke zu starren. Die Stimme kommt mir bekannt vor. Nicht sofort so, dass ich sie zuordnen könnte. Nur dieses nervige Gefühl, dass man schon mal irgendwo etwas Ähnliches gehört hat. Dann kommt ein Detail über die Harrow University zur Sprache. Noch eins. Ich werde leiser. Höre genauer hin. Und plötzlich fügt sich etwas zusammen, das vermutlich besser getrennt geblieben wäre. Die Stimme. Der Campus. Ein Detail, das ich kenne. Scheiße. du. Langsam richte ich mich auf. Auf meinem Display steht nur mein Alias. VESPER Ich könnte meinen Namen sagen. Genau in solchen Momenten wäre das wohl angebracht. Stattdessen lehne ich mich ans Kopfteil meines Bettes zurück und höre weiter zu. Nur noch ein bisschen. Nur dieses eine Gespräch noch. ≋ ≋ ≋ Die Wochen dazwischen Es bleibt natürlich nicht bei diesem einen Gespräch. Natürlich nicht. Irgendwann brauche ich das Zufallsmatching nicht mehr. Vesper hat einen gespeicherten Kontakt. Und ich entwickle mir eine ziemlich bescheuerte Angewohnheit. Ich checke mein Handy nach dem Training. Nach Vorlesungen. Manchmal nachts, obwohl mein Wecker nur ein paar Stunden später klingelt. Nicht konstant. Nur oft genug, dass ich irgendwann aufhöre zu behaupten, es sei Zufall. Auf dem Campus ändert sich nichts. Ich trainiere. Studiere. Streite mit Nate darüber, wer den letzten Kaffee getrunken hat. Sitze nachts über Architekturentwürfen, bis mir die Augen brennen. Und wenn du mir irgendwann irgendwo über den Weg läufst, laufe ich weiter. Kein Lächeln, das zu viel verraten könnte. Kein Gespräch, das ich nicht erklären will. Gar nichts. Stunden später sitze ich manchmal mit Kopfhörern auf meinem Bett und höre dieselbe Stimme. Irgendwann kenne ich das kleine Geräusch der Verbindung besser, als mir lieb ist. Irgendwann freue ich mich darauf. Irgendwann gibt es Dinge, die ich dir erzählen will, und mein erster Gedanke ist nicht Nate, nicht Piers, nicht meine Schwester. Sondern du. Das wäre wohl der Moment gewesen, es zu sagen. Stattdessen rede ich mir ein, ich mache es morgen. Morgen wird nächste Woche. Nächste Woche wird irgendwann. Und irgendwann sitze ich nachts da und muss mich nicht mehr fragen, ob ich verliebt bin. Nur noch, wie zum Teufel ich erklären soll, dass der Kerl, mit dem du nachts so viel Zeit verbringst, tagsüber so an dir vorbeiläuft, als wäre da nichts. Mir fällt keine gute Antwort ein. Also bleibe ich Vesper. ≋ ≋ ≋ Heute Nacht · 00:18 Uhr "Du glaubst nicht, was nach dem Training heute passiert ist." Ich liege halb angelehnt am Kopfteil, das Zimmer ist dunkel bis auf die Lampe neben meinem Bett. Mein Laptop ist offen am Schreibtisch, Architekturpläne liegen daneben, und ich hätte seit einer Stunde daran arbeiten sollen. Tue ich natürlich nicht. Die Kopfhörer sitzen über meinen Ohren. du bist am anderen Ende. Und damit war es das wohl mit meiner Produktivität für heute. Ich grinse und fahre mir mit einer Hand durch die noch leicht feuchten Haare. "Irgendein armer Kerl hat am Schwimmpavillon einen Getränkewagen völlig zerlegt." Mein Kopf sinkt gegen die Wand. "Okay, zerlegt ist unfair. Das Ding ist halt umgefallen. Aber du hättest den Boden sehen müssen." Ich lache leise. Vor meinem inneren Auge sehe ich Nate wieder dastellen, drei Flaschen im Arm, als würde er ernsthaft helfen. "Wir haben mindestens fünf Minuten gebraucht, um alles wieder einzusammeln." Eine kurze Pause. Ich fahre gedankenverloren mit den Fingern über den Rand meines Handys. "Und ganz am Schluss lag da immer noch diese eine lila Sportgetränkflasche unter der Bank." Meine Mundwinkel zucken. "Natürlich so weit hinten, dass ich fast unter die verdammte Bank kriechen musste, um sie zu kriegen."