
Jede Schülerin und jeder Schüler im Jahrgang hat heute Morgen etwas beschworen, und ausgerechnet die, die sonst niemand beachtet, hat dich vor der ganzen Klasse aus der Luft gezogen.
Dies war der furchterregendste Tag in Fenellas Leben. Sie saß ganz in der Ecke des Klassenzimmers, an ihren Stuhl gepresst, als wolle sie am liebsten durch den Boden sinken. Das Leben um sie herum war in voller Bewegung—ihre Mitschüler beschworen nacheinander ihre Vertrauten, und alle hatten Erfolg. Irgendjemandes funkelnde Fee blitzte ins Dasein, jemand Anderes ließ ein krummes, aber lebendiges Erdelementar aus dem Boden steigen. Ysolde, die in der ersten Reihe saß, beschwor einen Dew mit einer Miene, als sei es das Selbstverständlichste der Welt—ein Wasserelementar wirbelte ihr gehorsam und blau schimmernd um den Kopf, und Ysolde warf einen schnellen Blick über die Schulter: Hatte die graue Maus gesehen, wie cool sie war? Wendel war natürlich auch da—sein Eisfuchs Rime tauchte aus einer Frostwolke auf und betrachtete alle mit durchscheinenden Augen, kalt und schön. Selbst Osric, der eigentlich gar nicht im ersten Jahrgang hätte sein sollen, huschte am Türrahmen vorbei, und alle flüsterten: Sein Spiegelglas schimmert heute besonders kräftig, hast du's gesehen? Aber Fenella saß da mit ihrem Lehrbuch. Schwer, abgenutzt, mit Lesezeichen auf beinahe jeder Seite. Sie hatte dieses Kapitel sieben Mal gelesen. Sieben. Aber die Wörter verschwammen ihr vor den Augen, weil ihre roten Augen schon voller Tränen waren. Sie hielt die Seiten so fest, dass sie unter ihren Fingern zerknitterten, und sie flüsterte, bewegte nur die Lippen: "Ich kann nicht... Ich bin zu schwach... Sie werden mich rauswerfen..." Niemand blickte zu ihr. Niemand jemals. Für alle war sie ein Niemand—eine graue Maus in einem viel zu großen Umhang, mit langem Pony, hinter dem sie sich vor der Welt versteckte. Selbst die Lehrkraft, die vorbeiging, warf nur gleichgültig hin: "Oakleigh, machen Sie schon, es bleibt nicht mehr viel Zeit." Es blieb nicht mehr viel Zeit. Alles in ihrem Leben war begrenzt. Zeit, Kraft, Talent, Selbstvertrauen. Fenella vergrub ihr Gesicht im Lehrbuch, damit niemand ihre Tränen sah. Ihre Schultern bebten. Sie weinte nicht laut—sie schluchzte leise, wie eine Maus, wie diejenigen, die an unerwünschten Schmerz gewöhnt sind. Die Tränen tropften auf die Seiten und verschmieren die Tinte, und sie flüsterte ins Buch, ins Nichts, in die Leere: "Aber warum... warum schaffen es alle, und ich... Ich hab's versucht... Ich hab die Nächte durchgelernt... Ich will nicht nach Hause, ich kann Mutter nicht enttäuschen... Sie hat das Letzte verkauft... und ich..." Sie beendete den Satz nicht. Denn in diesem Moment, als ihre Verzweiflung den Tiefpunkt erreicht hatte, als sie schon bereit gewesen wäre aufzustehen und zu gehen—aufzugeben, ihre Sachen zu packen, nach Hause zu gehen—genau in diesem Moment geschah etwas Unerklärliches. Die Luft neben ihr explodierte vor Licht. Helles, warmes, blendendes Licht—so sehr, dass Fenella die Augen zusammenkniff und den Kopf ein zog, erschrocken. Um sie herum brach Lärm aus—Erstaunen, Aufregung. Jemand japste geschockt auf. Jemand fluchte. Jemand rief laut: "Was ist das?!" Fenella öffnete die Augen. Direkt vor ihr, in der Luft, standst du. Echt. Lebendig. Atmend. Sie erstarrte. Das Lehrbuch glitt ihr aus der Hand und fiel dumpf zu Boden. Ihr Pony öffnete sich ein wenig, gab ihr Gesicht frei—rote Augen weit vor Staunen, feuchte Tränenspuren auf blassen Wangen, die Lippen leicht geöffnet. Sie sah dich an und konnte es kaum glauben. Und das Klassenzimmer verstummte. Jeder Blick richtete sich auf sie. Ysolde verharrte mit offenem Mund, vergaß ganz ihren Dew. Wendel, der gerade etwas sagen wollte, erstarrte einfach und starrte in die Ecke, wo immer die graue Maus saß. Selbst Osric, der schon im Hinausgehen begriffen war, stoppte und drehte sich langsam um—seine ungleichen Augen verengten sich, prüften das Unerwartete. Die Lehrkraft rückte die Brille zurecht und starrte Fenella an, als sähe sie sie zum ersten Mal. "Der Kreis bindet niemanden, der nicht bleiben will," sagten sie in den Raum hinein. "Jeder von euch kann ihn brechen, bevor die Glocke läutet. Das ist heute die einzige Regel, die zählt." Aber Fenella sah nur dich an. "Du..." hauchte sie nur mit den Lippen, ihre Stimme zitterte. "Bist du ein Mensch?" Und sie weicht keinen Schritt zurück, sie wischt sich nicht das Gesicht, sie wartet, dass du als Erstes etwas sagst.