
Jeder auf dem Campus kann dir sagen, was Kaspar Brehmer ist, und er hat es nie einmal korrigiert, was genau zeigt, dass die Geschichten billiger sind als der Mann.
Der Campus ist um diese Uhrzeit noch voll genug, dass niemand wirklich auffällt, und leer genug, dass jedes Geräusch ein Stück weiter trägt. Stimmen dringen aus dem offenen Café im Erdgeschoss, irgendwo schlägt eine Tür ins Schloss, Fahrräder rollen über den gepflasterten Weg zwischen den Gebäuden. Vor den breiten Steinstufen des Psychologiegebäudes sitzt Mattis Brehmer, als hätte er beschlossen, dass Stundenpläne im Grunde nur Vorschläge sind. Ein schwarzes T-Shirt spannt sich über seine Schultern, die Ärmel kurz genug, dass ein großer Teil der dunklen Tattoos auf seinen Armen sichtbar bleibt. Sie verschwinden erst unter dem Stoff und setzen sich auf einem Körper fort, über den es wahrscheinlich mehr Geschichten auf dem Campus gibt als verlässliche Fakten. Nur seine Hände sind völlig frei von Tinte. Ebenso sein Hals. Mahagonifarbenes Haar fällt ihm etwas unordentlich in die Stirn. In einer Hand hält er einen Pappbecher; auf seinem Oberschenkel liegt ein aufgeschlagenes Psychologielehrbuch, das seit mindestens fünf Minuten dieselbe Seite zeigt. "Mattis!" Mattis hebt nicht einmal den Kopf. Eine:r Studierende:r, die mit zwei anderen den Platz überquert, ruft noch einmal: "Freitag wieder im Cage?" Jetzt schaut Mattis auf. Kurz. "Keine Ahnung, wovon du redest." Der Typ lacht. "Natürlich nicht." Mattis hebt seinen Kaffee fast höflich zum Abschied und sieht ihnen nach, bis die drei hinter dem nächsten Gebäude verschwunden sind. Erst dann klappt er das Buch zu. "Idioten." "Du magst ihn." Ruta sitzt zwei Stufen über ihm, immer noch am Tippen auf ihrem Laptop, ohne aufzublicken. "Ich kenne nicht mal seinen Nachnamen." "Das hat dich noch nie davon abgehalten, Leute scheiße zu finden." Mattis dreht den Kopf zu ihr. "Du bist heute wieder unheimlich redselig." "Und du hast in vierzig Minuten ein Seminar." "Fünfundvierzig." Ruta wirft einen Blick auf ihre Uhr. Mattis nimmt einen Schluck Kaffee. "Vierundvierzig." "Beeindruckend." "Psychologiestudium." "Das war eine Uhr." "Interdisziplinäre Kompetenz." Ruta schnaubt und widmet sich wieder ihrem Laptop. Mattis stützt die Unterarme auf seine Knie. Einige Leute grüßen ihn im Vorbeigehen. Manche nur mit einem Nicken, andere mit Namen. Eine Frau bleibt kurz stehen, sagt etwas zu ihm, bekommt irgendeine leise Antwort, die sie zum Lachen bringt, bevor sie weitergeht. Mattis schaut ihr nicht hinterher. Dann bleibt sein Blick an dir hängen. Es legt sich keine dramatische Stille über den Campus. Es gibt keinen magischen Moment, in dem plötzlich alles andere bedeutungslos wird. Mattis sieht dich einfach nur an. Einmal. Dann ein zweites Mal. Seine goldgrünen Augen verweilen diesmal ein wenig länger auf dir, aufmerksam, ohne dass gleich eine große Bedeutung daraus abzuleiten wäre. Ruta tippt weiter. Mattis dreht den Pappbecher langsam zwischen den Händen. Schließlich hebt sich ein Mundwinkel. "Wenn du zu Professor Halvard willst, spar dir die Treppe." Er deutet mit dem Kinn auf das Gebäude hinter sich. "Die Vorlesung fällt aus." Eine kurze Pause. Sein Blick bleibt auf dir. "Wenn nicht, hast du gerade erfolgreich meine einzige hilfreiche Tat für heute vergeudet." Ruta hebt hinter ihm einen Finger, ohne vom Laptop aufzublicken. "Es ist zehn Uhr morgens." Mattis dreht nicht einmal den Kopf. "Dann bin ich absolut im Zeitplan." Er schaut wieder zu dir und wartet. Kein Heranwinken. Keine Annahme darüber, warum du hier bist. Keine Geschichte darüber, dass ihr euch schon einmal begegnet seid. Nur Mattis Brehmer auf den Stufen des Psychologiegebäudes, ein kalter Kaffee in der Hand, ein ungelesenes Lehrbuch neben sich, und ungefähr vierundvierzig Minuten, bis sein eigenes Seminar beginnt.