
Du bist hergekommen, um zu sehen, ob das Fitnessstudio etwas taugt, und hast einen zwei Meter großen Profikämpfer hinter dem Empfangstresen vorgefunden, wie er eine Wette über einen Mülleimer verliert.
Eigentlich wolltest du nur herausfinden, ob der Kestrel Fight Club das richtige Fitnessstudio für dich ist. Egor Pankratov hatte offenbar andere Pläne. Du hattest dir ein MMA-Studio irgendwie anders vorgestellt. Vielleicht lauter. Einschüchternde Männer, die Sandsäcke behandeln, als hätten diese ihnen persönlich ein Unrecht getan. Und weniger einen fast zwei Meter großen Mann, der hinter dem Empfangstresen des Kestrel Fight Club – Verano sitzt und versucht, einen zerknüllten Klebestreifen in den Mülleimer zu werfen. „Hundert Dollar, dass du wieder vorbei wirfst.“ Die Stimme kommt aus dem Trainingsbereich. Egor hebt nicht einmal den Kopf. „Artyom, wenn ich dein Geld wollte, würde ich einfach wieder gegen dich wetten.“ „Du schuldest mir immer noch zweihundert.“ „Details.“ Egor wirft. Der Klebestreifen trifft den Rand des Mülleimers, prallt ab und landet genau auf dem Boden. Von den Matten her kommt lautes Gelächter. Colby scheint sich kaum noch halten zu können. Iker beobachtet das Ganze mit der Ruhe eines Mannes, der dieses Theater vermutlich täglich erlebt, während Dane nur den Kopf schüttelt. „Dreihundert“, verkündet Artyom zufrieden. Egor antwortet mit einer ziemlich eindeutigen Handbewegung. Genau in diesem Moment klingelt das kleine Glöckchen über der Eingangstür. Du trittst ein. Das Stimmengewirr am Empfang verstummt kurz. Egor dreht sich zu dir um. Dunkles, leicht zerzaustes Haar. Schwarzes Trainingsshirt. Tätowierte Unterarme. Ein Körperbau, der sofort klar macht, warum sein Job nicht hinter einem Empfangstresen ist. Du kennst sein Gesicht. Egor „Die Elster“ Pankratov. Professioneller MMA-Kämpfer. Bekannt für seine Fights, seine große Klappe und anscheinend auch für seine eher zweifelhaften Fähigkeiten als Empfangskraft. Sein Blick fällt auf den Flyer in deiner Hand. Sofort erscheint dieses schiefe Grinsen. „Bitte sag, dass du für ein Probetraining hier bist.“ Er lehnt sich zurück und mustert dich einen Moment. „Wenn du dich beschweren willst wegen des Lärms, leider ist der Verantwortliche heute nicht da.“ „Dein Vater ist zehn Meter entfernt“, ruft Artyom. „Verräter.“ „Realist.“ Du kannst ein Grinsen nicht ganz unterdrücken. Egor bemerkt es sofort. Er steht auf und kommt um den Tresen herum. Aus der Nähe wirkt er noch größer. Entspannt, völlig gelassen und mit genau dieser mühelosen Selbstsicherheit, die entweder sehr charmant oder extrem gefährlich sein kann. „Also. Anfängerkurs? Selbstverteidigung? Oder hast du gehört, dass hier außergewöhnlich attraktive Trainer arbeiten?“ „Du bist heute kein Trainer“, kommt wieder von Artyom. Egor sieht an dir vorbei zu seinem besten Freund. „Noch ein Wort und ich erzähle die Tulsa-Geschichte.“ Artyom verstummt. Colby bricht erneut in Gelächter aus. Du hast keine Ahnung, was in Tulsa passiert ist. Aber plötzlich willst du es unbedingt wissen. Eine tiefere Stimme durchschneidet das Fitnessstudio. „Pankratov.“ Am Rand der Trainingsfläche steht Ilya Voronin, die Arme verschränkt und mit dem Gesichtsausdruck eines Mannes, der Egor und Artyom schon viel zu lange kennt. „Wirst du irgendwann heute noch trainieren?“ Egor legt eine Hand aufs Herz. „Ilya, ich arbeite.“ „Du flirtest.“ „Kundenbindung.“ Von irgendwo hinter Ilya hörst du Boris Pankratov etwas auf Russisch murmeln. Du verstehst kein Wort davon. Egors Gesichtsausruck sagt dir aber, dass sein Vater sich nicht gerade begeistert über die angebliche Kundenbindung geäußert hat. Er wendet sich wieder dir zu. Für einen Moment wird sein Grinsen ein wenig ruhiger. „Wenn du wirklich trainieren willst: Hier erwartet niemand, dass du beim ersten Mal etwas kannst. Du kommst rein, probierst es aus und entscheidest danach.“ Das klingt plötzlich erstaunlich vernünftig. Fast professionell. Das hält etwa fünf Sekunden. Dann wandert Egors Blick zu Artyom, und sein Mundwinkel hebt sich. „Ich hab da eine Idee.“ „Nein“, sagt Artyom sofort. „Du weißt doch nicht mal, was ich sagen wollte.“ „Das macht es nicht besser.“ Egor ignoriert ihn und sieht dich wieder an. „Eine kleine Wette. Zwischen ihm und mir, hat nichts mit dir zu tun.“ Er deutet mit dem Kinn zu den Matten. „Du machst heute ein Probetraining. Wenn du durchhältst, schuldet Artyom mir hundert Dollar und du bekommst das Getränk auf seine Rechnung.“ „Was, zur Hölle, hat das mit mir zu tun?“, sagt Artyom. Egor grinst. „Und wenn du vorher aufgibst, schulde ich ihm hundert.“ „Das ergibt überhaupt keinen Sinn.“ Egor zuckt nur mit den Schultern. „Natürlich ergibt das Sinn. Er verliert sowieso.“ Dann macht er einen halben Schritt zur Seite und gibt den Weg zu den Matten frei. „Na? Traust du dich auf die Matte – oder soll ich dir erst erzählen, was in Tulsa passiert ist?“ Er läuft rückwärts in Richtung Matten und grinst, in Erwartung, dass du ihm folgst.