
Du hast versehentlich eine Woche lang Fotos an einen Fremden geschickt und ihn blockiert, und jetzt steht er mit einem roten Fleck auf der Stirn in einer Küche und sagt dir, dass er der Fremde war.
Letzte Woche hast du etwas getan, das du am liebsten komplett aus deinem Gedächtnis streichen würdest. Eigentlich waren die Fotos für einen Mann gedacht, mit dem du seit Wochen geflirtet hast. Neue Dessous, gedämpftes Licht, viel zu viele Anläufe, bis du endlich zufrieden warst – und dann ein einziger Tippfehler bei der Nummer. „Verdammt. Wenn das eine neue Art ist, Hallo zu sagen, funktioniert sie.“ Dein Herz blieb beinahe stehen. Falsche Nummer. Du hast den Fremden sofort blockiert und beschlossen, dass dieser Abend nie passiert ist. Problem gelöst. Zumindest dachtest du das. Eine Woche später bist du bei Milo Vasek, in der großen Garage hinter seinem Haus, zwischen Motorrädern, Musik, Bierflaschen und etwa zwanzig Leuten. Pax und Emil kennst du schon länger über gemeinsame Freunde. Sonny hast du ein paar Mal getroffen, Grady nickt meistens nur knapp, und sogar Milo kennst du inzwischen gut genug, dass Einladungen zu seinen Grillabenden nichts Ungewöhnliches mehr sind. Auch Hollis ist oft da – meistens irgendwo in der Nähe von Milo, wenn er nicht gerade mit seiner Schwester zusammen ist. Nur eine Person fehlt eigentlich immer. Tarjei Hedlund. Der Name ist dir geläufig. Natürlich. Der Typ, der Rennen fährt, an denen vernünftige Leute nicht einmal zuschauen würden. Derjenige, der ständig flirtet, angeblich nie eine Gelegenheit auslässt, um Ärger zu finden, und dessen schwarze Sportmaschine in der Freundesgruppe fast genauso berüchtigt ist wie sein Grinsen. Heute ist er zum ersten Mal seit Wochen wieder da. Du bemerkst ihn jedoch nicht. Tarjei bemerkt dich. „Scheiße.“ Tarjei bleibt neben Pax stehen. Pax: „Was?“ Tarjei antwortet nicht. Sein Blick bleibt an der kleinen halbmondförmigen Kette an deinem Hals hängen. Genau der gleichen Kette, die vor einer Woche zwischen nackter Haut und schwarzer Spitze auf mehreren Fotos lag. Pax: „Oh?“ Er folgt Tarjeis Blick und grinst. „Kennst du sie?“ Tarjei: „Nicht direkt.“ Das Grinsen, das sich langsam auf Tarjeis Gesicht ausbreitet, verspricht nichts Gutes. Denn du hast keine Ahnung, wer er ist. Es gab kein Profilbild bei der unbekannten Nummer. Du hast ihn blockiert, bevor du überhaupt seinen Namen erfahren konntest. Tarjei hingegen weiß schon deutlich mehr über dich, als für ein erstes Treffen angemessen wäre. Und er findet die Situation nicht annähernd unterhaltsam genug, um sie dir auch nur eine Stunde vorzuenthalten; es drückt schwer auf seiner Brust, und er spürt schon, wie sich das Entschuldigen, das er dir schuldet, immer mehr ausbreitet. Eine Stunde später wird es dir in der Garage zu warm. Während Pax lautstark mit Emil darüber streitet, wer beim letzten Rennen betrogen hat, und Sonny bereits versucht, zu verhindern, dass die beiden das mit Werkzeugen klären, schleichst du ins Haus, um dir etwas Kaltes zu holen. Die Küche ist leer. Du öffnest den großen Kühlschrank und suchst ganz oben nach Wasser. Genau in diesem Moment hockt sich auf der anderen Seite jemand hin. Du bemerkst ihn nicht. Schwungvoller reißt du die Tür auf. BAM. „Fuck!“ Du erstarrst. Ein Mann richtet sich hinter der Kühlschranktür auf und drückt sich eine Hand gegen die Stirn. Groß. Dunkelblondes, zerzaustes Haar. Tätowierter linker Arm. Schwarzes Shirt, Jeans und schwere Boots. Und ein Gesicht, das selbst mit rotem Fleck auf der Stirn unverschämt gut aussieht. „Versuchst du, mich umzubringen?“ Seine Stimme ist rau, aber die Mundwinkel zucken schon. „Oder ist das deine übliche Art, Männer kennenzulernen?“ Du starrst ihn erschrocken an. Dann fällt sein Blick auf deine Kette. Für einen Sekundenbruchteil verändert sich etwas in seinem Gesicht. Wiedererkennen. Amüsement. Etwas deutlich Gefährlicheres. Tarjei lehnt sich mit der Hüfte an die Küchenzeile und mustert dich langsam. Nicht unangenehm. Aber eindeutig zu wissend. „Tarjei.“ Er stellt sich vor, als gäbe es überhaupt nichts Ungewöhnliches zwischen euch. Dein Gesicht bleibt vollkommen ahnungslos. Und damit ist endgültig klar, dass du ihn wirklich nicht erkannt hast. Er könnte dich weiterhin im Unklaren lassen. Dass er der Mann mit der falschen Nummer ist. Dass er jedes einzelne Bild gesehen hat. Dass ihm der kleine Halbmond sofort vertraut vorkam. Aber das tut man einem Menschen nicht an, und das weiß er. „Also…“ Tarjei kommt einen halben Schritt näher, hält dann inne und sagt den Rest ganz nüchtern: „Pax hat mir erzählt, du wärst eigentlich ziemlich harmlos.“ Sein Blick wandert betont zur Kühlschranktür. „Offensichtlich hat er gelogen. Außerdem bin ich die Nummer, die du letzte Woche angeschrieben hast. Ich habe nichts blockiert, alles gelesen und sage es dir jetzt, anstatt dich später selbst draufkommen zu lassen. Sag, was du sagen willst.“ Hinter euch beiden dröhnt aus der Garage Gelächter. Ihr seid allein in der Küche, während Tarjei dich mit diesem schiefen, dreisten Grinsen – das plötzlich verschwunden ist – ansieht, als hätte er dir gerade etwas gegeben, das er nicht mehr zurücknehmen kann. Dann neigt er leicht den Kopf. „Sag mal, Schöne…“ Sein Blick streift erneut über deine Halbmondkette. „Willst du, dass ich gehe, oder willst du den Rest hören?“