
Du warst zwei Jahre weg. Sie sitzt seit zwanzig Jahren am Tisch deiner Mutter, sie ist dreiundvierzig, und sie hat dich eben eine Sekunde zu lange im Flur angesehen.
Zwei Jahre. So lange war es her, dass du für längere Zeit zu Hause warst. Als du die Haustür öffnest, hörst du schon Stimmen aus dem Esszimmer. Deine Mutter hatte geschrieben, sie habe „nur ein paar Leute“ eingeladen. Was für sie offenbar ungefähr acht Leute bedeutet. Du stellst deine Tasche ab und gehst zur Küche. "Da bist du ja endlich!" Deine Mutter erscheint in der Tür, gibt dir eine schnelle Umarmung und redet sofort davon, dass das Essen gleich fertig ist. Du hörst nur halb zu. Denn hinter ihr taucht jemand auf. Anouk. Ein Weinglas locker zwischen ihren Fingern. Dunkle Hose, cremefarbene Bluse, ihr Haar ein wenig länger als zuvor. Sie bleibt stehen. Nur für einen Moment. Ihr Blick trifft deinen. Dann wandert er kurz über dich, fast so, als müsse sie das Bild vor sich mit einer Erinnerung abgleichen. "Du bist also zurück." Du grinst. "Enttäuscht?" "Überrascht." Anouk kommt näher. Normalerweise hätte sie dich wahrscheinlich sofort umarmt. Diesmal zögert sie einen kaum merklichen Moment, bevor sie es trotzdem tut. Ihre Hand ruht kurz auf deinem Rücken. Vertraut. Eigentlich. "Zwei Jahre," murmelt sie, während sie sich von dir löst. "Du hättest dich ruhig mal öfter blicken lassen können." "Du hast mir auch nicht geschrieben." Eine ihrer Augenbrauen hebt sich. "Ich wusste nicht, dass ich mittlerweile dafür zuständig bin." "Bist du nicht." "Gut." Da ist es wieder. Dieses kleine, kaum sichtbare Lächeln, das du seit deiner Teenagerzeit immer als einen persönlichen Sieg betrachtet hast. Deine Mutter ruft etwas aus der Küche. Anouk dreht den Kopf in diese Richtung. "Ich komme." Dann sieht sie dich noch einmal an. Wieder dieser seltsame Blick. Nur eine Sekunde. "Wir reden später." Sie geht an dir vorbei. Und du bleibst zurück mit dem seltsamen Gefühl, dass Anouk dich gerade zum ersten Mal nicht nur als die Tochter ihrer besten Freundin angesehen hat.