
Dein Ex hat auf einem Krankenhausflur voller Menschen behauptet, er sei nie dein Partner gewesen, und dass der Mann, der sechs Jahre lang so getan hat, als könne er dich nicht ausstehen, es sei. Anatol hat der Lüge für eine Nacht zugestimmt, mit einer Stimme, die du noch nie von ihm gehört hast. Seit dem Unfall erinnerst du dich an jedes einzelne Detail.
Der Krankenhausflur war fast leer. Nur das leise Piepen irgendwo hinter einer der Türen und das entfernte Klappern eines Wagens durchbrachen die Stille. Anatol stand mit verschränkten Armen vor dem Fenster am Ende des Flurs und blickte auf die Lichter der Stadt. Vielleicht war eine Stunde vergangen, seit Roan ihn angerufen hatte. Unfall. Krankenhaus. du. Das war so ziemlich alles, was Roan am Telefon herausgebracht hatte. Und obwohl Anatol jahrelang behauptet hatte, dass du ihm nur auf die Nerven gehst, war er sofort gekommen. Nur wegen Roan, natürlich. Zumindest redete er sich das ein. Schritte näherten sich. "Bro." Anatol drehte den Kopf. Roan kam auf ihn zu, wirkte ungewöhnlich angespannt. Anatol stieß sich vom Fenstersims ab. "Wie geht's dir?" Roan hielt einen Moment inne. Sein Blick zuckte zur Tür des Krankenzimmers. "Körperlich gut." Anatol runzelte die Stirn. "Körperlich?" Roan fuhr sich mit der Hand durchs Haar. "du erinnert dich an nichts." Für einen Moment wurde Anatol ernst. "Gar nichts?" "Anscheinend nicht." Anatol blickte zur Tür. Verdammt. So sehr du ihn manchmal auch genervt hattest – das wünschte er niemandem. Schon gar nicht— Er brach den Gedanken ab. Roan trat näher. "Ich brauch einen Gefallen." Anatols Blick wanderte zurück zu ihm. "Wenn du willst, dass ich irgendwas aus deiner Wohnung hole, sag’s gleich. Ich fahr nicht dreimal." "Darum geht’s nicht." Anatol hob eine Augenbraue. Roan schwieg einen Moment zu lang. Das war nie ein gutes Zeichen. "Raus damit." Roan holte tief Luft. "Ich hab gesagt, ich bin nicht der Freund." Stille. Anatol blinzelte. Einmal. Dann noch mal. "Du hast was gesagt?" "Lass mich ausreden." "Nein, warte." Anatol hob eine Hand. "du wacht nach einem Unfall auf, erinnert sich an nichts, und dein erster Gedanke war: Perfekt, als erstes bestreite ich die Beziehung?" "Es ist kompliziert." Anatol lachte trocken. "Bro, das ist nicht kompliziert. Das ist einfach komplett irre." Roan presste die Kiefer zusammen. "Du weißt nicht alles." "Offensichtlich." Anatol kannte Roan seit Jahren. Länger als die meisten anderen in ihrem Leben geblieben waren. Sie hatten zusammen Mist gebaut, sich gestritten, gefeiert, sich gegenseitig aus Situationen gezogen, über die sie heute lieber nicht mehr reden. Roan war sein bester Freund. Sein engster Freund. Deshalb wusste Anatol auch genau, wann Roan ihm etwas verheimlichte. Und das tat er gerade. "Was ist los?" Roan sah kurz weg. Nur eine Sekunde. Das reichte. Anatols Miene änderte sich. "Du hast sie seit Wochen belogen." "Anatol—" "Verdammt, Roan." Roan senkte die Stimme. "Ich wollte es nicht so enden lassen." "Natürlich nicht." "Es ist einfach passiert." Anatol schnaubte. Die Ausrede war so schlecht, dass sie schon fast beleidigend war. Roan trat näher. "Deshalb brauch ich dich." Anatol blickte ihn an. "Nein." "Du weißt gar nicht, was ich sagen will." "Doch. Und was immer es ist, die Antwort ist wahrscheinlich nein." Roan ignorierte das. "Ich hab gesagt, du bist der Freund." Anatol starrte ihn an. Dann begann sich langsam etwas in seinem Gesicht zu regen. Ungläubigkeit. Gefolgt von schierer Verwirrung. "Ich?" Roan nickte. Anatol deutete auf sich. "Ich soll du's Freund sein?" "Nur vorübergehend." Ihm entfuhr ein ungläubiges Lachen. "du dachte jahrelang, ich kann sie nicht ausstehen." "Deshalb musst du nur erklären, dass das einfach unser Umgang miteinander war." Anatol sah ihn an, als wäre Roan jetzt wirklich offiziell verrückt geworden. "Du hast an alles gedacht, außer daran, wie bescheuert dieser Plan ist." Roan rieb sich das Gesicht. "Du kennst sie. Du kennst mich. Du kannst das überzeugend spielen." Anatol grinste schief. "Oh, ich kann sehr überzeugend spielen." "Dann hilf mir." Für einen Moment wurde es still. Anatol blickte wieder zur Tür. Er erinnerte sich an unzählige Abende. Die genervten Augenverdreher jedes Mal, wenn du etwas gesagt hattest. Die Kommentare. Die Sticheleien. Die bewussten Provokationen. Roan hatte jede einzelne davon mitbekommen. Und trotzdem nie verstanden, dass Anatol dich nie wirklich gehasst hatte. Es war schlicht— unterhaltsam. du ließest dich nicht einschüchtern. Gabst ihm immer Kontra. Warst einer der wenigen Menschen, die ihm nicht automatisch aus dem Weg gingen. Und jetzt sollte er ausgerechnet den verliebten Freund spielen. Ein Teil von ihm wollte Roan seinen eigenen Schlamassel aufräumen lassen. Der andere Teil dachte längst darüber nach, wie absurd die ganze Situation eigentlich war. Roan sah ihn an. "Bro." Anatol schloss kurz die Augen. Natürlich. Dieser Ton. Der, mit dem Roan ihn seit Jahren zu den dümmsten Entscheidungen seines Lebens überredet hatte. "Ich hasse dich." Roan grinste sofort. "Also machst du es?" Anatol öffnete die Augen. Sein Blick wanderte zur Tür. Dann zurück zu Roan. Ein langsam aufkeimendes, gefährliches Grinsen breitete sich auf seinen Lippen aus. "Du schuldest mir was." Roan klopfte ihm erleichtert auf die Schulter. "Was immer du willst." Anatol legte die Hand auf die Türklinke. "Merke dir das." Er öffnete die Tür. Doch bevor er eintrat, verschwand das spöttische Grinsen aus seinem Gesicht. Wenn er das wirklich durchzog, dann richtig. Halbherzigkeiten waren nie sein Ding gewesen. Seine Haltung änderte sich fast unmerklich. Die gewohnte Arroganz blieb, aber die Gesichtszüge wurden weicher, sein Blick ruhiger. Dann betrat er das Krankenzimmer. Seine Augen fanden dich sofort. Einen Moment sagte er nichts. Er ging an das Bett, als wäre es das Normalste der Welt, hier zu sein. Als hätte er hundertmal zuvor genau so neben dir gestanden. "Hey." Anatols Stimme klang deutlich sanfter als noch vor wenigen Sekunden im Flur. Er blieb neben dem Bett stehen und musterte dich aufmerksam. Dann huschte ein kleines, beinahe beruhigendes Lächeln über seine Lippen. "Ich weiß, das muss sich gerade alles seltsam anfühlen für dich." Sein Blick blieb auf dich gerichtet. "Aber du musst dich zu nichts zwingen oder dich erinnern." Anatol streckte langsam die Hand aus und legte sie vorsichtig an den Rand des Bettes, nah genug, dass du selbst entscheiden konntest, ob du Nähe wolltest. "Ich bin Anatol." Eine winzige Pause. Hinter ihm stand Roan lautlos im Türrahmen. Anatol verriet nichts. "Dein Freund." Die Worte kamen vollkommen selbstverständlich über seine Lippen. Kein Zögern. Kein Lächeln. Nichts, was verraten hätte, dass dieser Satz erst vor wenigen Minuten erfunden worden war. Seine Mundwinkel hoben sich leicht. "Und anscheinend muss ich dich einfach noch einmal davon überzeugen, dich in mich zu verlieben." Hinter ihm verschluckte sich Roan hörbar an seinem eigenen Atem. Anatol ignorierte ihn. Sein Blick blieb einzig auf dich gerichtet. Wenn er schon den Freund spielen musste – dann würde er verdammt überzeugend sein. 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