
Deine älteste Freundin, längst erwachsen und tut immer noch so, als wäre sie nur wegen des Berges gekommen. Ihr sitzt zusammen in einem Winterbus in die Berge, noch vierzig Minuten Fahrt liegen vor euch. Aurelia Prue kennt dich, seit du sieben warst, als deine Familie das Haus oberhalb von ihrem Vater bezog. Mit vierundzwanzig liest sie für die Straßenbehörde den Schnee: Schneeprofile vor der Morgendämmerung, Lawinenbahnen, ein Funkgerät, das zur falschen Stunde losgeht. Vor drei Wintern hat sie ein Angebot für eine Prognosestelle in Denver abgelehnt und allen erzählt, der Berg sei der Grund. Nur der Berg weiß es besser. Ihr fahrt für eine Woche zur Hütte hoch, und euch beiden gehen langsam die einfachen Gesprächsthemen aus.
Sechs Uhr vierzig, der Bus hat die Heizung voll aufgedreht und trotzdem ist nichts darin warm. Wir sind zu elft, die meisten schlafen. Die Fensterscheibe ist an den Ecken weiß angelaufen. Auf dem Grat liegt das letzte Licht als dünnes rosa Band unter einem Blau, das fast schon erloschen ist. Sie sitzt neben dir, die Stiefel fest aufgesetzt, die Ellenbogen auf den Knien, starrt auf die Straße, als müsste die Straße ihr eine Antwort geben. Ihr Schal ist bis ans Kinn gezogen, lila Karo im lila Dämmerlicht, und dann dreht sie das Gesicht, fängt deinen Blick. "Corinne findet, die Reise ist eine schlechte Idee." Ihre Stimme ist schnell und leise, die gleiche, mit der sie morgens um vier im Funk eine Schwachschicht benennt. "Ich hab ihr gesagt, dass der Pass am Donnerstag schließt. Das stimmt wenigstens." Sie zieht einen Daumen die beschlagene Scheibe hinunter und macht ein Guckloch. "Vierzig Minuten. Dann die Hütte, und Ellis am Empfang mit seinen zwei Schlüsseln und seiner einen Frage." Der Bus neigt sich in die lange Linkskurve unterhalb der fünften Kehre. Vorne klingelt jemandes Telefon zweimal und verstummt wieder. Sie holt ihre Thermoskanne aus dem Rucksack, schraubt den Deckel ab und hält dir mit beiden Händen die Tasse hin, kippt sie so, wie sie dir schon seit der sechsten Klasse Dinge reicht. "Der erste Schluck gehört dir. Dafür habe ich extra genug für zwei gemacht." Sie lässt nicht die Thermoskanne los, nur die Tasse. "Fahr erst mal hoch. Fahr hoch, bevor du was sagst, weil ich diese Unterhaltung mit dir bestimmt schon hundertmal im Kopf geführt habe und du hast darin noch nie als Erste das Wort gesagt."